Zentrum für Chemie: Beim Erfinderlabor in Marburg drehte sich alles ums Thema Nanotechnologie / Zwei Bergsträßer Schülerinnen waren mit von der Partie

Hochbegabte forschen in Zwergenwelten

Bergstraße. Der "atomare Aufbau von nanoskaligen Halbleiterelementen" - ziemlich deftiger Stoff für eine 17-Jährige. Oder doch nicht? Carolin Sauer bleibt entspannt, als sie im Hörsaal der Marburger Uni vor 150 Zuhörern erklärt, mit welcher Mikroskopiemethode man sich an einen winzigen Computerchip heranmachen kann.

Lösung: Mit der energiedispersiven Röntgenspektroskopie kommt man den Zwergen auf die Spur. Man muss "nur" Atome so anregen, dass sie eine charakteristische Röntgenstrahlung aussenden, die wiederum Aufschluss über ihre Zusammensetzung gibt. Nach 15 Minuten war die Abschlusspräsentation vorbei - und mit ihr das 16. Erfinderlabor des Zentrums für Chemie (ZFC), bei dem sich fünf Tage lang alles ums Thema Nanotechnologie drehte. Genauer gesagt: um Nanoanwendungen in Medizin und Physik.

16 hochbegabte Oberstufenschüler im letzten Jahr vor dem Abitur trafen sich im Mitmachlabor des Chemikums Marburg, um Naturwissenschaften hautnah zu erleben. Selbstständiges Forschen war angesagt, betreut von Professoren, Doktoranden und wissenschaftlichen Mitarbeitern. Alles unter Bedingungen, die im Schulunterricht nicht denkbar sind. Die Kooperation mit der Philipps Universität und dem Chemikum hat es jeweils acht Schülerinnen und Schülern ermöglicht, den Profis nicht nur über die Schulter, sondern auch ein bisschen in die Köpfe zu schauen.

Anstrengend, aber sehr spannend

"Trotz Schlafmangels waren die Teilnehmer mit Elan bei der Sache", lacht Carolin Sauer, die in Heppenheim lebt und die Bensheimer Liebfrauenschule besucht. Die fünf Tage in Marburg - davon drei Tage im Labor des Fachbereichs Chemie - waren anstrengend. Aber auch spannend und extrem aufschlussreich: "Wenn man sich näher mit Nanotechnologie beschäftigt, merkt man, dass sie einem auch im Alltag sehr häufig begegnet." Etwa in Medikamenten, wo winzige Träger Wirkstoffe zielgenauer durch den Körper transportieren.

Erste Lektion in Marburg: Mit abnehmender Größe verändern sich die Eigenschaften von Objekten zum Teil radikal, so der Physiker Prof. Dr. Gregor Witte zu den Jungforschern, die aus ganz Hessen quasi handverlesen wurden. Bei knapp 200 Bewerbungen aus 72 Schulen ist letztlich der Notenspiegel ausschlaggebend. "Hier sind die Hochleister versammelt", so Dr. Thomas Schneidermeier, Vorstand des Zentrums für Chemie mit Sitz in Bensheim.

Die Teilnehmer waren konzentriert bei der Sache. In vier Teams stellten die Schüler Nanopartikel selbst her und analysierten sie. "Es war eine tolle Erfahrung, Chemie und Physik einmal nicht aus der Perspektive des Klassenzimmers zu erleben", so die Ausnahmeschülerin, die sich auch sozial engagiert.

Spaß an komplexen Problemen

Carolin Sauer gehört zu den Messdienern in der Pfarrei St. Peter, ist Kurssprecherin und möchte nach dem Abi ins Ausland gehen. In einem Kinderdorf in Afrika will sie anderen Menschen helfen. Ihre Leistungskurse: Mathematik und Französisch. Sie spielt Trompete im Bläserensemble der städtischen Musikschule. Kein klassischer Labor-Nerd, wie man ihn sich vorstellen würde. Vorurteile aller Art werden im Workshop schnell gestrichen. Die Schüler hatten einfach Spaß an komplexen Problemen und Sachverhalten.

Wenngleich auch der Zeitplan hauteng geschnürt war: Einführung am Chemikum, Einblicke in die chemischen Fachbereiche der Universität, ein Rhetorik-Training und schließlich die Abschlusspräsentationen, an denen bis in die Nacht gefeilt wurde. Im Publikum Profs und Forscher, Unternehmer und Lehrer sowie Vertreter aus dem Kultus- und dem Wirtschaftsministerium.

Die Leiterin des Chemikums Marburg, Prof. Dr. Stefanie Dehnen, erkannte in den Teilnehmern schnell "beeindruckende Fähigkeiten" und eine starke Motivation, sich neuen Themen zu stellen. "In den naturwissenschaftlich geprägten Berufen ist starker Nachwuchs zunehmend Mangelware." Auch der Geschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) in Hessen, Gregor Disson, wies darauf hin, dass die Branche gute Köpfe benötigt.

Köpfe wie den von Charlotte Paßkowski. Die Bensheimerin besucht das Goethe-Gymnasium und war mit einer offenen Erwartungshaltung und dem simplen Wunsch, Neues zu lernen, nach Marburg gefahren.

"Unsere Arbeit war naturwissenschaftlich übergreifend und hat den theoretischen Schulstoff mit Leben gefüllt", kommentiert sie nach dem Finale.

Dienstag, 05.08.2014

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